„Hat der eine coole Ausstrahlung!“ Stimmt. Dabei gibt es ihn oder sie schon gar nicht mehr.
Siggi, der Schneemann oder Siggi, die Schneefrau ist bereits geschmolzen
und existiert nur noch auf Bildern oder in der Erinnerung.
Nachdem vor kurzem endlich auch in Halle Schnee in nennenswerten Mengen in diesem Winter gefallen war, blieben Schülerinnen und Schüler einer Klasse zusammen mit ihrer Lehrkraft nicht untätig. Sie wurden schöpferisch tätig und kreierten in der Pause Siggi. Er oder sie scheint mit großen Augen alles im Blick zu haben und sich dabei ein leichtes Lächeln nicht verkneifen zu können.
Das neue Kalenderjahr ist mittlerweile nicht mehr so jung. Die Weihnachtsferien sind vorüber. Die ersten Schultage danach ebenfalls; Tests und Klassenarbeiten in unterschiedlichen Fächern sind geschrieben. Manche davon sind bereits korrigiert und an ihre Verfasserinnen und Verfasser mit den entsprechenden Bewertungen zurückgegeben worden. Die Halbjahresleistungsnachweise, die in der Vergangenheit „Zwischenzeugnisse“ genannt wurden, sind in Sicht. Und jetzt?
Mancher und manchem wird es jetzt trotz kühler Außentemperaturen warm ums Herz. Wenn sie oder er an das denkt, was Schwarz auf Weiß stolz nach Hause getragen und glücklich Müttern und Vätern präsentiert wird. Gute Leistungen lassen in der Regel auf Anerkennung und Belohnung hoffen.
Andere kommen ins Frösteln. Im Hinblick auf das, was zu erwarten ist am letzten Schultag vor den Winterferien auf jenem Blatt Papier mit den Zahlen hinter jedem Schulfach. Wenn und weil bei den Schulnoten nicht alles so war, wie Schülerinnen und Schüler es sich vorgestellt oder sich das gewünscht haben. Kaum jemand kann immer und überall überragende Ergebnisse und Spitzenleistungen für sich beanspruchen. Auch und gerade in der Schule darf ich lernen, damit umzugehen, dass und wenn manches nicht mehr ausreichend ist. Aufgeben ist dabei meiner Ansicht nach keine Option – im Gegenteil.
Grenzen der eigenen Fähigkeiten oder Möglichkeiten gibt es zwar. Oder hängt es davon ab, dass mir anderes als Lernen und Üben wichtiger und wesentlicher schien als Englischvokabeln oder mathematische Formeln zum Beispiel? So unterschiedlich wie unsere Schülerinnen und Schüler in der St. Mauritius-Sekundarschule sind, sind auch die Resultate ihrer Bemühungen, die sie auf unterschiedliche Weise schriftlich oder mündlich erreicht haben. Noten sind ein Leistungsnachweis. Eine Momentaufnahme. Nicht mehr und nicht weniger.
Manches ist so vergänglich wie ein Schneemann oder eine Schneefrau beispielsweise. Meine tägliche Lernbereitschaft oder meine Leistungsmöglichkeit. Die Fähigkeit, das umzusetzen, worum ich mich bemüht und was ich gelernt habe. Meine Motivation, mich hinzusetzen, mir Zeit zu nehmen und etwas für meinen Lernfortschritt zu tun. Manches kostet mich Überwindung. „Ohne Fleiß kein Preis!“ Damals wie heute. „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.“ (Ich ergänze: „Eine Meisterin auch nicht!“) Etwas einüben oder wiederholen zu müssen, weil ich es nicht beim ersten Mal verstanden habe. Am Ball zu bleiben, etwas erreichen wollen, obwohl es dazu meine Zeit, meinen persönlichen Einsatz und meine Nerven braucht.
Darf ich uns allen etwas für 2026 wünschen? Echte Freude über Erreichtes, das mir nicht „einfach so“ zugefallen ist. Sondern um das ich mich bemüht, für das ich mich eingesetzt und in diesem Zusammenhang auf anderes verzichtet habe. Mut und Kraft, aus Fehlern zu lernen, ist manchmal leichter gesagt als getan. Unmöglich ist es nicht. Mir nicht von meinen Gegenüber einreden zu lassen „Vergiss es, du schaffst es ja eh nicht!“ Sondern das Gegenteil: „Trau dich! Versuch es nochmal!“ „Hol dir Unterstützung, wenn du es allein nicht schaffst: Bitte darum, es dir nochmal erklären zu lassen.“ „Hab Mut, Fragen zu stellen bei dem, was dir noch unklar ist!“ „Lass dich nicht unterkriegen und gib dich selbst nicht auf!“ Sätze wie diese können ungeahnte Kräfte in mir wecken. Wenn ich etwas mache. Nicht, weil ich das müsste oder es von mir erwartet wird. Sondern, weil ich es will. Weil ich es möchte.“
Siggi, der Schneemann oder die Schneefrau existiert nicht mehr. Aber ich bin noch da. Auch 2026. Ich kann mit dem, was mich ausmacht und auszeichnet, aktiv dazu beitragen, dass dieses Jahr ein Jahr wird, an das ich mich gern erinnere.
Sogar, wenn nicht alles klappt und ich manches trotz allen Bemühens nicht hinbekomme. Ich bleibe dabei: Niemand kann alles und keiner kann nichts. Und: Es gibt ein Leben nach der Schule. Jeden Tag. Auch 2026. Manchmal kann ich mehr als ich meine. Das darf ich mir zutrauen. Immer noch und immer wieder. Sogar dann, wenn der Winter einmal vorüber ist und der Frühling Einzug hält.
Br. Clemens Wagner ofm, Schulseelsorger
28. Januar 2026
Schneemann - frau
Einfach mal machen. Nicht nur reden. So entsteht etwas.