11. September 2026

Nur ein Eichelhäher – aber der hat es in sich.

Optimusmus - nach der Wahl vom 06.09.2026

Titelbild für Beitrag: Nur ein Eichelhäher – aber der hat es in sich.

Für die einen ist es vorbei, für andere fängt es jetzt erst an. Der Ausgang der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September dieses Jahres kann nachdenklich machen. Welche Seite auch immer. Während die einen nach Ursachen suchen und Hintergründe dazu klären möchten, denken andere an das, was kommen könnte oder passieren müsste. Manche spüren Angst vor dem Morgen, haben Schlafprobleme und stellen Fragen, für die es heute noch keine Antworten gibt. Andere wollen die Initiative ergreifen und hoffen auf vielfache Unterschiede zu dem, was bisher war.

Mir ist das September-Kalenderbild im Schulbüro des St. Mauritius-Sekundarschule aufgefallen. Der Wildtierfotograf Julian Rad fotografierte einen Eichelhäher, der im Wasser badet. Zerzaust ist er, um ihn herum eine Fülle von Wassertropfen. Aufrecht und recht gerade sitzt dieser Vogel da, schaut aufmerksam und gespannt in die Welt. „Optimismus“ ist dieses Bild überschrieben. Darunter steht: „Kopf hoch – egal wie der Tag gelaufen ist.“

Vor dem, was ist, wie es ist, brauche ich weder die Augen zu verschließen noch meinen Kopf in den Sand zu stecken. Auch nicht in den Chor derer einstimmen, die nicht nur den Untergang des christlichen Abendlandes wittern, sondern meinen, dass nun alles vorbei sei und sie an dem Punkt sind, den der italienische Dichter und Philosoph Dante Alighieri in „Die göttliche Komödie“, Inferno III, 9 („Das Höllentor“) so benannte: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“

Absichtlich stelle ich diesem Weltuntergangsszenario entgegen: „Kopf hoch – egal wie der Tag gelaufen ist.“ Was vorbei ist, ist vorüber. Was in Zukunft wie auch immer sich entwickelt und sein wird, kann mit Sicherheit heute niemand wissen. Ja, ich kann von dem träumen oder dem nachtrauern, was früher anders war. Mit der Wirklichkeit hat solches Denken und Tun meiner Ansicht nach nichts zu tun. Denn nach wie vor habe ich Möglichkeiten und Fähigkeiten, die mich nicht mit den Wölfen heulen lassen. Dort, wo ich lebe und arbeite. An den Orten, an denen ich bin. Vielfache und unterschiedliche Begabungen sind mir gegeben, die sich für ein gelingendes Miteinander über Grenzen hinweg umsetzen und einsetzen lassen.

Toleranz bedeutet nicht, zu allem und jedem „Ja und Amen!“ zu sagen; kritiklos hinzunehmen, was mir angeboten, gezeigt und von wem auch immer vorgelebt und präsentiert wird. Einzusehen und ehrlich zugeben zu können, dass nicht alle so denken, leben, lieben und sind, wie ich bin, ist nicht nur menschlich, sondern jeden Tag neu Gabe und Aufgabe zugleich. Immer wird es Zeitgenossen geben, mit denen ich „nicht kann“ und die ich nicht mag. Auch bin ich nicht jedem sympathisch. Andere Menschen mögen mich, weil sie mich als Person für mein So-Sein gernhaben. Sie schätzen mich, weil ich bin, wie ich bin.


Nicht die, die am lautesten schreien oder einem das Blaue vom Himmel versprechen, sind die, die stets und jederzeit und überall Recht haben. Auch bei der Bistumswallfahrt auf die Huysburg am Wahlsonntag wurde es deutlich: Menschenwürde, Solidarität, Dialog und Nächstenliebe sind nicht daran gebunden, ob jemand religiös oder christlich geprägt ist. Alle Menschen guten Willens sind dabei angesprochen.

Für mich sind das Werte, Zeichen und Gegebenheiten, die nicht nur in der St. Mauritius-Sekundarschule das Schulleben gelingender, einfacher und leichter machen. Auch und gerade nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 06. September 2026.

„Kopf hoch – egal wie der Tag gelaufen ist.“ Eine lebenswerte Zukunft innerhalb und außerhalb der Schule steht uns offen. Daran darf und kann ich aktiv mitbauen und mitgestalten. Niemand zwingt mich dazu, jeden wie auch immer gearteten Lebensentwurf zu teilen. Aber „Leben und leben lassen“ ist kein billiger Spruch, sondern Zeichen von Menschenwürde, Solidarität, Dialog und Nächstenliebe.

Br. Clemens Wagner ofm, Schulseelsorger

Copyright des Fotos: Julian Rad